Ganz ehrlich: wahr!

von
Jen­nifer Abels

Was ist bloß auf dem Ölberg los? Staunend steh ich vor diesem ein­fach saucool gestal­teten Schaufen­ster von „Hoe­gens Urban­ität“ in der Marien­straße. Urban­ität? Hier auf dem Ölberg? Urban­ität dort, wo ich kür­zlich noch eilig, ohne nach rechts und links zu schauen an blind­en Schaufen­ster­scheiben vor­beilief, hin­ter denen halb ver­fal­l­ene Verkauf­s­räume ein trau­riges Dasein fris­teten?

Während die Leute in der Elber­felder Innen­stadt über Bau­verzögerun­gen, Bil­lig­waren-Shops und elende Staus im Bum­melvier­tel stre­it­en, hat sich hier oben auf dem Wup­per­taler Ölberg eine echte kleine Infra­struk­tur entwick­elt. Da, wo einem vorher Tristesse ent­ge­gen­star­rte, glänzen jet­zt frisch lack­ierte Tür­rah­men, ziehen sich styl­ish Schriftzüge über blitze­blanke Scheiben, hin­ter denen ich Dinge ent­decke, die ich in der City son­st nir­gend­wo bekomme. Jet­zt macht es Spaß, auf dem Heimweg statt über den Wül­frather Berg abzukürzen, den Umweg über die Marien­straße zu nehmen, ja, zu schlen­dern (ich staune noch, während ich das schreibe), ste­hen zu bleiben, zu plauschen, vielle­icht eine tolle Vin­tage-Klam­otte, ein siebge­druck­tes T-Shirt oder einen aus­ge­fal­l­enen Ruck­sack zu erste­hen. Nicht zu fassen: Pullover und Jack­en, Schmuck und Schrein­er-Möbel, Büch­er & CDs, Hand­taschen und Geschenkar­tikel, plöt­zlich bekomme ich hier oben das Beson­dere, das ich im Tal oft suche.
Man fragt sich, was das für Leute sind, die ihre Pro­duk­tion­sstät­ten und Verkauf­s­geschäfte nach hier oben ver­legen und damit dem Vier­tel seit Kurzem ein neues, attrak­tiveres Gesicht geben. Es sind Leute, die man ken­nt, von Par­ties, vom Spielplatz, ehe­ma­lige Mit­studierende, Nach­barn, Fre­unde, auf jeden Fall Uner­schrock­ene, die den Schritt in die Selb­ständigkeit gewagt haben und in das Vier­tel abge­wan­dert sind, wo sie wohnen, wo ihre Kinder spie­len, wo viele der Men­schen leben, die sie erre­ichen möcht­en. „Für ein gutes Pro­dukt kom­men die Leute außer­dem auch hier her­auf“, sagt Nadine Hoe­gen, die im Früh­jahr dieses Jahres nach lan­gen anstren­gen­den Jahren als Han­delsvertreterin im In- und Aus­land „Hoe­gens Urban­ität“ auf der Marien­straße eröffnet hat. Urbanes, das sind für sie Dinge, die die Städter zum täglichen Leben brauchen, für die Mann und Frau, Kind und Senior nicht weit laufen sollen. Darum gibt es bei ihr nicht nur hochw­er­tiges Fahrrad-Equip­ment, son­dern auch Lam­p­en, Sitzsäcke und Früh­stücks­brettchen, aus­gewählten Kaf­fee, sel­tene Perl­weine und Limon­aden sowie einzi­gar­tige Spir­i­tu­osen. Ein biss­chen was zwis­chen Con­cept-Store und Kolo­nial­waren­laden, in dem man eben auch Sachen für den täglichen Gebrauch kriegt, Sachen, die hochw­er­tig sind, dabei aber noch bezahlbar und die man nicht ein­fach schnell noch im Super­markt mit­nehmen kann.

Es ist aber auch die Geschichte der einzel­nen Pro­duk­te, die sich die Kun­den was kosten lassen. Und der Lokalpa­tri­o­tismus: „Die Leuten mögen es, wenn ich ihnen erk­läre, dass die Tasche, die sie kaufen, aus dem Tanz­bo­den des Wup­per­taler Tanzthe­aters gefer­tigt ist“, erzählt Sil­via Wern­er von der „oel­berg­er taschen­man­u­fak­tur“, während sie an dem Täss­chen Kaf­fee schlürft, den sie sich beim türkischen Kul­turvere­in gegenüber holt. Sil­via Wern­er war neben den Kün­stlern Bernd Bäh­n­er und André Kern die erste, die auf der Marien­straße ein Geschäft eröffnete und in diesem Jahr 10-jähriges Jubiläum und 5 Jahre offene Man­u­fak­tur feiert. Dass andere nachge­zo­gen sind, sei ein riesiger Gewinn, nicht nur für sie, son­dern vor allem für die Leute, die hier wohnen.

Stadt begin­nt dort, wo die Men­schen einan­der nicht mehr ken­nen.“
(Wal­ter Siebel, Sozi­ologe, WDR 5 Scala)

Für viele der Einzel­händ­lerin­nen und Einzel­händler ist die Anonymität der Großs­tadt ein Grund, der City mit ihrer Einkauf­s­meile, in der sich ein Großhändler an den anderen rei­ht, den Rück­en zu kehren. Sie wollen Kon­takt haben, näher dran sein an den Leuten, mit denen sie einen nach­barschaftlichen, nach­halti­gen und heimat­be­zo­ge­nen Lifestyle teilen möcht­en. Deshalb sind die T-Shirts von „mithandund­herz“ aus Bio-Baum­wolle, bezieht „Liebesgruss“ seine Mate­ri­alien von lokalen Betrieben, deshalb verkauft Anke Reichert neben Selb­st­geschnei­dertem auch einst Gekauftes, deshalb sind nicht nur die Kuchen, son­dern auch Pra­li­nen und Marme­laden von der „La petite Con­fis­erie“ handgemacht.

Deshalb gibt es die Arm­bän­der von Ramona auch bei Anne, die Schals von Anne auch bei Jojo und Bea, deshalb stellt Nach­bar Karl sein Fahrrad als Deko-Lei­h­gabe in Nadines Laden. „Wir arbeit­en nicht gegen- son­dern miteinan­der.“ erk­lärt Nadine Hoe­gen. „Wir wollen uns untere­inan­der und mit der Nach­barschaft ver­net­zen, das Vier­tel lebendi­ger machen, damit wir alle mehr Freude und Leben­squal­ität haben.“

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