25 Jahren Alte Feuerwache an der Gathe

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Das Inter­view erschien am 19.9.2016 in der Wup­per­taler Rund­schau.
Wir danken für die Abdruck­genehmi­gung.

 

Ger­ade erst hat die Ber­tels­mann-Stiftung eine Studie zum The­ma Kinder­ar­mut veröf­fentlicht. Bit­teres Ergeb­nis: Rund ein Drit­tel aller Kinder in Wup­per­tal sind arm. Genau mit diesen Kindern beschäftigt sich seit 25 Jahren die Alte Feuerwache an der Gathe — und leis­tet wichtige Präven­tion­sar­beit.
Die Redak­teurin der Wup­per­taler Rund­schau Nicole Bolz sprach mit Geschäfts­führer Joachim Heiß und der päd­a­gogis­chen Lei­t­erin Jana-Sophia Ihle darüber, wie sich ihre Arbeit in 25 Jahren verän­dert hat.

Am 21. Sep­tem­ber 1991 hat die Alte Feuerwache zum ersten Mal ihre Türen geöffnet und ihre Arbeit aufgenom­men. Was hat sich in den Jahren verän­dert?
_Joachim Heiß: Die Zahl der Auf­fäl­ligkeit­en bei Kindern hat extrem zugenom­men. Sehr viele zeigen physis­che oder psy­chis­che Stress­be­las­tun­gen, kom­men mit Kopf- oder Magen­schmerzen zu uns, zeigen hohe Depres­sion­swerte, sind aggres­siv und frus­tri­ert. Den Stress und die Kon­flik­te, die sie zu Hause oder in der Schule haben, brin­gen sie mit zu uns.
_Jana-Sophia Ihle: Bei vie­len man­gelt es schon an der Basisver­sorgung. Kein angemessenes Essen, keine vernün­ftige Klei­dung — manche laufen im Win­ter in San­dalen herum. Andere stre­unen nach 22 Uhr noch hier über die Gathe. All das ist heute nicht mehr die Aus­nahme, son­dern All­t­ag.
_Heiß: Die Armut hat ganz drastisch zugenom­men!
Wo set­zen Sie da an?
_Ihle: Wir helfen erst mal mit dem Nötig­sten. Wir haben hier eine Klei­derkam­mer, einen Schlafraum und einen Mit­tagstisch, um die Basisver­sorgung der Kinder zu gewährleis­ten. Aus­gerichtet ist er für 40 Kinder, aber wir ver­sor­gen um die 70. Die Warteliste ist lang und finanzielle Unter­stützung gibt es keine. Eigentlich skan­dalös. Denn viele Eltern haben nicht mal Geld, um ihren Kindern ein Mit­tagessen zu ermöglichen.
_Heiß: Darüber hin­aus suchen wir natür­lich auch den Kon­takt zu den Eltern. Viele haben schlechte Erfahrun­gen mit Behör­den gemacht, da muss man Ver­trauen schaf­fen, ihnen Äng­ste nehmen und auch Wertschätzung ent­ge­gen­brin­gen. Es ist oft ein wahnsin­niger Eier­tanz, den Eltern, den Kindern und auch den Para­grafen gerecht zu wer­den.
Wie viele Kinder betreuen Sie?
_Heiß: Durch unseren offe­nen Kinder- und Jugend­bere­ich und die ver­schiede­nen Ange­bote sind täglich zwis­chen 215 und 300 Leute im Haus. Inten­siv betreuen wir momen­tan über 40 Kinder, zum Beispiel in den 8samkeitsgruppen. Unser Team beste­ht aus 14 haup­tamtlich Beschäftigten und zahllosen Ehre­namtlern.
Was genau sind die 8samkeitsgruppen?
_Heiß: Die Grup­pen bieten einen fam­i­lienähn­lichen Rah­men für je acht hochbe­lastete Kinder mit ein­er fes­ten Bezugsper­son — mit päd­a­gogis­ch­er Fachaus­bil­dung -, die die Kinder in allen rel­e­van­ten Leben­sund Entwick­lungs­bere­ichen unter­stützt. Sie kooperiert eng mit Schulen und Eltern, trainiert angemessenes Kon­flik­tver­hal­ten, fördert beson­dere Inter­essen und Begabun­gen und unter­stützt beim angemessen Umgang mit Stress­be­las­tun­gen.
Sie betreuen auch Flüchtlingskinder?
_Ihle: Ja. Es war immer Ziel der Feuerwache, Men­schen unter­schiedlich­er Nation­al­ität bei uns zusam­men­zubrin­gen. Unsere Arbeit ist immer auch anti-ras­sis­tisch. Wir arbeit­en dabei mit ein­er Trau­ma- Päd­a­gogin, ein­er Fam­i­lien­ther­a­peutin und einem Deeskala­tion­strain­er zusam­men und haben auch viel Zulauf. Diese Kinder haben schon viel erlebt. Wenn sie Bilder von unterge­hen­den Booten oder Kriegsszenen malen, bekommt man eine Ahnung davon.
Ist das die Gruppe, die die meiste Zuwen­dung benötigt?
_Ihle: Die ärm­ste Gruppe sind osteu­ropäis­che Ein­wan­der­er, die keinen Anspruch auf Sozialleis­tun­gen haben. Sie leben tat­säch­lich oft von der Hand in den Mund, haben keine Heizung. Denen geht es noch mal zwei Stufen schlechter als anderen.
Es klingt, als sei die Alte Feuerwache ein Mikrokos­mos aller gesellschaftlichen Prob­leme. Haben Sie über­haupt genug Kapaz­ität, sich um alle Kinder aus dem Quarti­er zu küm­mern?
_Heiß: Nein, wir bräucht­en sehr viel mehr Mitar­beit­er, um dem gerecht zu wer­den. Aber die Stadt hat den Zuschuss seit Jahren gedeck­elt. Ohne Hil­fe von Spon­soren sähen wir alt aus. Und die Schere geht immer weit­er auseinan­der …
_Ihle: Es ist nicht nur eine Frage von Mitleid oder Gerechtigkeit — unsere Gesellschaft kann es sich schlicht nicht erlauben, alle diese Kinder zurück­zu­lassen.
Wie wollen Sie diese zurück­ge­lassene Gen­er­a­tion später dazu brin­gen, die Gesellschaft mitzu­tra­gen und nach vorn zu brin­gen? Sie bekom­men dazu sich­er keinen Wider­spruch aus der Poli­tik …
_Heiß: Nein, das ist schon allen klar. Aber aus dem Wis­sen fol­gt keine Hand­lung. Sprich: Wir bekom­men nicht mehr finanzielle Unter­stützung. Die Frage ist: Was sind uns unsere Kinder wert?
Was sind die Pläne für die näch­sten Jahre?
_Ihle: Um eine möglichst lück­en­lose Begleitung zu erre­ichen, möcht­en wir einen Kinder­garten eröff­nen. Auf dem Gelände am Mirk­er Bahn­hof pla­nen wir ein Leucht­turm­pro­jekt: Kinder aus sozial schwachen Fam­i­lien sollen dort die best­mögliche Bil­dung erhal­ten. Denn je früher wir diese Kinder abholen, umso bess­er. Dort kön­nte Wup­per­tal beweisen, dass es etwas anders macht — das ist Präven­tion at it’s best!
_Heiß: Man muss das auch mal wirtschaftlich sehen. Solche Präven­tion­spro­jek­te kosten einen Bruchteil von dem, was Bund, Land und Kom­munen zahlen müssen, wenn wir solche Kinder zurück­lassen.
_Ihle: Wup­per­tal will ja das Image von der „armen Stadt“ abstreifen. Aber man muss die Dinge klar benen­nen und han­deln, dann kann es zu ein­er Stärke wer­den — und dur­chaus Mod­ellcharak­ter für andere Städte
haben.

Kon­takt:
Alte Feuerwache
Gathe 6
42105 Wup­per­tal
Tel: 2451980
www.altefeuerwache-wuppertal.de

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