Fasziniert von den Zeichnungen und dem differenzierten Konzept,
das so aufmerksam und sensibel mit Detailfragen umgeht, wuchs
der Wunsch, die Verantwortlichen kennen zu lernen. Voller Fragen
machte ich mich auf den Weg in die Wuppertaler Nordstadt, wo
Regine Raschke und Katja Fiedler arbeiten.
In einem wunderschönen Büro – wie sollte es anders sein, sie sind schließlich
Architektinnen. Keine einheitlichen Möbelsysteme im Bauhaus-Stil, keine unter-
kühlte Atmosphäre. Statt dessen herrscht eine lebendige Arbeits-
atmosphäre.
Wie haben Sie bei einem so breiten Spektrum von Materialen die passenden für den
Kirchsaal ausgewählt?
fiedler: Uns war es von Anfang an wichtig, natürliche Materialen zu verwenden.
Die Atmosphäre im Kirchsaal sollte auf keinen Fall unterkühlt wirken. Als
wir auf den Lehmstreichputz gestoßen sind, waren wir uns einig, das passende
Material gefunden zu haben.
raschke: Hoffentlich verzeihen uns die Handwerker, dass man ihn in drei
Arbeitsschritten aufbringen muss … Aber wir haben sehr gute Erfahrungen in der
Zusammenarbeit gemacht. Wir sind froh, mit Handwerkern zu arbeiten, die zum
Teil das Lutherstift schon kennen. Der Baukörper ist sehr verwachsen, und es war
wichtig, jemanden zu haben, der die Besonderheiten des Gebäudes kennt. Wir
geben uns gegenseitig Denkanstöße oder weisen einander auf Denkfehler hin.
Denkfehler? Das hört man nicht gern! Hoffentlich sind die alle ausgemerzt!
raschke: Oh, Denkfehler sind ganz normal – deshalb bauen wir nicht den ersten
Entwurf, sondern haben eine lange Planungsphase. Die Theorie kann nie
eins zu eins in die Praxis umgesetzt werden.
fiedler: Deshalb ist es wichtig, mit den Menschen hier zu sprechen. So fanden
wir zum Beispiel heraus, dass die Bühne unbedingt erhalten bleiben muss.
Die ›Tanzen-im-Sitzen‹-Gruppe nutzt die Bühnenkante gern zum Ausruhen. Unser
ursprünglicher Plan sah vor, die Bühne versenkbar zu machen.
raschke: Oder nehmen wir das Leitmotiv ›Hand‹. Erst sollte sie, wie man in
den Zeichnungen noch sehen kann, nach unten geöffnet sein. Dann sprachen wir
u. a. mit Herrn Ufermann und Herrn Paul und einigten uns auf eine Hand, die sich
nach oben öffnet. Dadurch verändert sich die Aussage: die Hand wird eine gebende,
offene anstatt einer bedeckenden, von oben drückenden. Erstere passt
also viel besser zum Selbstverständnis des Lutherstifts.
Das Gespräch ist ihnen also wichtig?
fiedler: Sehr. Es wäre doch anmaßend zu glauben, wir wüssten alles. Bedenken
Sie nur mal die Bühnentechnik! Da haben wir natürlich mit Licht- und Tontechnikern
zusammen gearbeitet. Woher sollen wir wissen, wo ein Musiker den
Anschluss für seinen Verstärker braucht? Wir haben schließlich noch nie ein Konzert
gegeben. Deshalb sind wir froh, mit wissenden Menschen zusammen zu arbeiten.
Wir wissen, wo unsere Kompetenzen liegen und auch, wo sie aufhören.
Haben Sie auch mit Bewohnern gesprochen?
raschke: Sicher. Zwar haben wir uns beide in unseren Familien um ältere,
auch gehbehinderte Verwandte gekümmert und haben dort viele Erfahrungen
gesammelt, die uns jetzt nützlich sind – aber einiges wollten wir unbedingt
testen. Deshalb haben wir zum Beispiel einige Bewohnern gebeten, auf der neuen
Bestuhlung Probe zu sitzen.
fiedler: Die Stühle sind sehr leicht, stapelbar, haben eine große Sitzfläche
und sind einfach total bequem. 140 Stück passen in den Kirchsaal bzw. dürfen in
den Kirchsaal, denn ab 150 Stühlen ändern sich die Brandschutzvorgaben.
Vorgaben. Das ist ein gutes Stichwort – ist es nicht schwierig,
es so vielen verschiedenen Interessengruppen recht zu machen?
fiedler: Durchaus, aber es ist auch reizvoll. Wichtig ist, dem eigenen Entwurf
treu zu bleiben. Nicht in jedem Detail, aber im Gesamtkonzept. Wir ordnen uns
nicht unter, sondern finden akzeptable Kompromisse. In einigen Punkten kann
das auch schmerzhaft sein. So beispielsweise bei dem Kaffeeautomaten in der
Bibliothek. Der ist doch unglaublich hässlich, oder? Aus ästhetischer Sicht hätten
wir ihn gern verbannt. Aber wir sahen sofort ein, wie wichtig er ist. Ohne geht
es einfach nicht. Da muss man die eigenen Vorstellungen zurückstellen, schließlich
geht es um die Bewohner und nicht darum, dass wir beide es hinterher optisch
stimmig finden.
raschke: Spätestens in der Bauzeit werden auch wir beide regelmäßig freudig
Kaffeebecher aus dem Automaten ziehen! Ganz egal, wie der Automat aussieht.
In Ihren bisherigen Aussagen schwingt eine sehr interessante Arbeitsauffassung mit.
Können Sie sagen, was Ihnen bei Ihrer Arbeit besonders wichtig ist?
fiedler: Da gibt es viele kleine Aspekte, aber prägend für unsere Arbeit ist
sicherlich der Wunsch, zunächst die Aufgabe zu begreifen, die Bezüge herzustellen
und herauszufinden, was die zukünftigen Benutzer wirklich möchten. Wir
wehren uns dagegen, einen bestimmten ästhetischen Stil durchsetzen zu wollen.
Wir suchen nach einer bauherrenbezogenen Lösung. Das ist ein langer Prozess–
so ein Projekt ist wie ein Kind, das man großzieht, das sich entwickelt und
das man dann irgendwann loslassen kann, weil es sich allein zurecht findet.
raschke: Es ist wichtig, Projekte als komplexe Aufgaben zu betrachten. Wir
bemühen uns, nicht zwangsläufig die einfachste und schnellste, sondern die beste
Lösung zu finden. Gerade die Details sind sehr wichtig.
Wie ist denn die Resonanz auf Ihre Arbeit?
raschke: Wir haben viel positive Rückmeldung bekommen. Darauf sind wir
natürlich stolz – aber wir wollen hier auch nicht angeben. Manchmal hören wir
auch wenig. Gerade bei Projekten wie dem Kirchsaalumbau. Selbstverständlich
sprechen wir mit dem Bauherrn und einigen anderen, aber von den Bewohnern
werden wir – fürchte ich – wenig hören. Wie sollen die uns auch erreichen?
Das können wir doch arrangieren! Wir fragen sie einfach!
Interview:
'Hauspost'- Lutherstift Seniorenzentrum Elberfeld, April-Juni 2009
www.lutherstift.net