Sonntag, 5 Februar, 2012 - 03:43

Alkoholisierte Wahrheiten

Wenn ich so täglich aufwache mit einem Kater, stelle ich fest, dass die Grenzen dehnbar sind. Dehnbar ist die Menge an Alkohol, die ich zu mir nehmen kann - es wir mehr und mehr jeden Tag.
Dehnbar ist die Grenze, die ich erreiche, bis ich Kopfschmerzen habe.
Dehnbar auch meine schlechte Laune. In den letzten Tagen hatte ich immer erstaunlich gute Laune morgens - sogar gesungen habe ich unter der Dusche. Allerdings hielt die dann auch nur bis zur ersten Tasse Kaffee an - danach.... oje.

Wenn ich so auch Abend für Abend in meiner Lieblingsgaststätte arbeite, bemerke ich, wie wenig dehnbar mein Nervenkostüm wird. Ich habe derzeit mein Studium der angewandten Literaturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Mythologie des Mittelalters auf Eis gelegt, kellnere nur noch vor mich hin. Da muss ich nicht nachdenken und kann so herrlich dumpf sein.
Dummerweise leiden meine Nerven darunter. Neulich hat ein Gast bei mir versucht umzubestellen, nachdem ich schon mehrere Minuten im größten Stress an seinem Tisch verbrachte, weil sich dieser besagte Mensch nicht entscheiden konnte, ob er denn nun lieber einen Milchkaffee oder einen Latte "Mattatschio" trinken solle. Nun, ich weiß auch nicht genau, wie es passierte, auf jeden Fall hatte ich nach meiner Schicht ein Gespräch mit meinem Chef.
Doch wider Erwarten beschimpfte er mich nicht, nein, er fragte mich, was mit mir los sei. Er würde sich Sorgen machen, was ich denn so treiben würde privat.
Huch, muss mir das jetzt Bedenken in mein Hirn treiben?
Er legte mir nahe, mal eine Auszeit zu nehmen, nicht mehr jede Nachtschicht zu machen und auch mal weniger zu trinken.
Haben die das jetzt schon alle mitbekommen? Na super.

Und dann fällt mir auf, wie wenig ich noch von Horst mitbekomme.
Er ist irgendwie verschwunden. Er hat sich verändert, ist irgendwie fies geworden.
Ständig meint er, mich überprüfen und erziehen zu müssen, hinterfragen und auf die Probe stellen kann er besonders gut.
Ich dachte immer, Horst wäre vielleicht doch schwul, aber vielleicht ist er ja auch eifersüchtig.

Eifersüchtig auf die vielen Männerbekanntschaften, die ich im Suff mache.
Dann quatsche ich mal hier, tanze dort, knutsche da und lache... manchmal, aber nur ganz selten, ist mal ein solches Männerexemplar dabei, bei dem ich mir vorstellen kann, diesen sogar noch ein paar Stündchen länger zu ertragen. Das ein oder andere Mal habe ich das ausprobiert und das war dann wie in der Werbung:
Aufwachen, neben sich gucken, oh nein denken, aufstehen, anziehen, Kaffee kochen und dann: "Naja, wenigstens der Kaffee war gut."

Das passiert mir nicht nochmal, führt das doch ohnehin nur dahin, dass ich schon beim Aufwachen an den Gerüstbauer denken muss und mir im Halbschlaf einbilde, er würde neben mir liegen. Das sind die schlimmsten Minuten am Tag.

Ich habe sogar ein schlechtes Gewissen, weil ich das Gefühl habe, ihn zu betrügen.

Tss, dabei liegt neben ihm vermutlich auch irgendjemand, nur nicht ich.
Ach, ich hasse es.

Anstatt dass Horst sich mal darum kümmert, hat er nichts Besseres zu tun, als mir mein "versoffenes Verhalten" unter die Nase zu reiben. "Paula, guck doch mal hin, wie du dich heute wieder aufführst. Das ist geradezu peinlich."
Schön, Horst, was soll ich dazu sagen? Ich kann gerade nicht anders.
Ganz einfach.
Ist nur eine Phase, so langsam merke ich ja auch, dass es zu nichts führt, immer die Letzte in der Kneipe zu sein.

Denn dann bin ich auch die Letzte auf der Bühne und damit die Letzte, die ihr Leben wieder auf die Reihe bekommt.

Loggen oder registrieren um einen Inhalt zu taggen
0

Antworten