Dienstag, 22 Mai, 2012 - 07:45



BASTA-KINO: Anarchist, Bankräuber, Fälscher, aber vor allem … Maurer.

Startdatum/-zeitpunkt: 
16. August 2010 - 19:30
Enddatum/-zeitpunkt: 
16. August 2010 - 23:00

Film und Buchvorstellung zum Leben des spanischen Anarchisten
Lucio Urtubia

Montag, 16.08., ab 19.30 Uhr: „ BASTA–Themenabend im Open-Air Kino „Talflimmern“ in der „Alten Feuerwache“ an Gathe in Wuppertal-Elberfeld – Diskussion und Film – Eintritt frei

Veranstaltung mit Alix Arnold (Köln)

Sozialrebell, Geldfälscher, Bandit, moderner Robin Hood –
die Liste der Titel, mit denen Lucio Urtubia beehrt wurde, ist
lang. Sein Leben, das wie ein Abenteuerroman klingt, ist ein
Spiegel der revolutionären Bewegungen Europas in der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts. Lucio Urtubia wird 1931 in einem
kleinen Dorf in Navarra geboren und wächst unter ärmlichen
Verhältnissen auf. Als er zum Militär eingezogen wird,
desertiert er wenig später nach Frankreich, wo er fortan als
Maurer arbeitet. Er bekommt Kontakt zu anarchistischen Gruppen und
lernt seinen politischen Ziehvater kennen: den legendären Sabaté,
der von Frankreich aus den bewaffneten Widerstand gegen die
Franco-Diktatur organisiert. Fälschen von Dokumenten, Verstecken
von Untergrundkämpfern und illegale Geldbeschaffungsaktionen
spielen fortan in seinem Leben eine erhebliche Rolle. Zahlreiche
Widerstandsorganisationen, die in Frankreich eine Operationsbasis
haben oder einen Rückzugsraum suchen, profitieren von seinen
Fertigkeiten: Black Panthers, Tupamaros, europäische Guerillas.
Jedem Akt der Revolte, der auf eine gerechtere
Gesellschaftsordnung zielt, gilt Lucios Solidarität.
Die Liste seiner Aktivitäten ist damit nicht erschöpft. Doch Lucio
ist auch ein Meister der Konspiration, dem in seinem nicht gerade
gesetzestreuen Leben das Kunststück gelingt, nur ein paar Monate
im Gefängnis zu verbringen. Erst mit weit über 70 Jahren bricht
er das Schweigen.
           
Lucio Urtubia hat Banken überfallen,um mit dem Geld Gefangene der Franco-Diktatur in Spanien zu unterstützen. Er fälschte Ausweise für die spanischen Flüchtlinge in Frankreich. Später wurden in seinen Fälscherwerkstätten Schecks und Papiere verschiedenster Länder gedruckt. Diese Dokumente und das so beschaffte Geld kamen revolutionären Bewegungen in Europa,Lateinamerika und den USA zugute.  Während Lucio eine untergründige Infrastruktur weltweiter Solidarität aufbaute, lebte er selbst unauffällig und bescheiden in Paris. Seinen Lebensunterhalt
verdiente er mit der Maurerkelle auf dem Bau, wo er jeden Morgen
pünktlich erschien. Nur wenige Menschen wussten von seinen
nächtlichen Aktivitäten, und die Verfolgungsbehörden trauten dem
einfachen Arbeiter und Migranten derart ausgeklügelte Aktionen lange
Zeit nicht zu. So musste Lucio trotz der beeindruckenden Serie von
Gesetzesbrüchen nur relativ wenig Zeit in Gefängnissen verbringen.
Eine der größten Banken der Welt zwang er in die Knie: Angesichts
der Masse perfekt gefälschter Traveller Checks, die an allen Enden
der Welt auftauchten, nahm die First National City Bank Verhandlungen
mit Lucio Urtubia auf und verzichtete gegen Herausgabe der
Druckplatten auf eine Strafverfolgung.

Lucio hat sein ganzes Leben dem Kampf für die Freiheit gewidmet und ist seinen Überzeugungen bis heute treu geblieben. Glücklicherweise hat er sich im Ruhestandsalter doch noch entschlossen, seine Abenteuer öffentlich zu erzählen. Der Dokumentarfilm und die Autobiografie lassen uns an diesem
ungewöhnlichen Leben teilnehmen. Lucio ist inzwischen unermüdlich
auf Reisen, um seine Erfahrungen und Überzeugungen auf
Veranstaltungen weiterzugeben. Ihn kennenzulernen ist ein Privileg,
das Mut macht. Sein Motto „An nichts glauben und doch alles für
möglich halten“ untermauert er mit unzähligen Geschichten, die
beweisen, dass man selbst in scheinbar völlig aussichtslosen und
verlorenen Situationen immer noch irgendetwas tun kann. Solidarität
mit den Unterdrückten und Verfolgten ist für ihn, der selbst
bitterste Armut erleben musste, eine Selbstverständlichkeit. Er
macht immer wieder klar, dass all die Arbeit und Anstrengungen für
ihn kein Opfer waren. Ganz im Gegenteil: Sein Leben „für die
Sache“ betrachtet er als großen Reichtum.

Leben heißt für Lucio Arbeit,kreatives Schaffen, Aktion. Bis zu seinem 72. Lebensjahr hat er auf dem Bau gearbeitet, zunächst für verschiedene Unternehmen und später, nach dem gescheiterten Versuch, mit einigen Compañeros eine Kooperative aufzubauen, in seinem eigenen Betrieb. Es war ihm immer wichtig, seinen Lebensunterhalt als Arbeiter zu verdienen. Das viele Geld, das er auf illegalen Wegen beschaffte, war für die Solidarität
bestimmt, nicht für private Zwecke. In Bellville in Paris  hat Lucio
in den neunziger Jahren ein heruntergekommenes Gebäude in der Rue
des Cascades gekauft und zu einem kleinen Kulturzentrum ausgebaut
(weitgehend mit „beschafftem“ Material). Er und seine Genossin
Anne wohnen hier, und ein großer Raum im Erdgeschoss bietet Platz
für Veranstaltungen, Ausstellungen und Versammlungen. Die Tür steht
– wie Lucio betont – allen offen. Dem Zentrum hat er den Namen
Espace Louise Michel gegeben, in Erinnerung an die große Anarchistin
der Pariser Kommune. Sie und Buenaventura Durruti sind Lucios liebste
Vorbilder. Über der Tür steht „Le Temps des Cerises“ und am
Giebel Sustraiak – baskisch für Wurzeln.

Das Buch erscheint im Oktober 2010 im  Verlag Assoziation A

0

Antworten