Der Ölberg macht mobil!

Vor­wort

Der Ölberg macht mobil! von Désirée Angelko­rte

Wohin der Flow fließt… von Désirée Angelko­rte

Vorwort

Liebe Nachbarinnen und Nachbarn!

Nach gut zweiein­halb Jahren Pause sind wir wieder da mit ein­er neuen Aus­gabe von „Alles auf unserem Berg“, der Nord­stadt­broschüre. Schon vergessen, dass es sie gibt? Bere­its 2002 erschien die erste Aus­gabe. Die Her­aus­gabe war ein­er der ersten Aktiv­itäten des Vere­ins „Unternehmer/innen für die Nord­stadt e.V.“. Inzwis­chen blät­tern Sie in der 14. Aus­gabe. Ziel war und ist es, zum einen auf die Fir­men und Ini­tia­tiv­en im Stadt­teil den Blick zu lenken und zum anderen zu einem gemein­samen Bewusst­sein
von Nach­barschaft beizu­tra­gen. Wir im Vier­tel – alles auf unserem Berg. 80 Unternehmer/innenporträts find­en sich in diesem Heft – weniger als erhofft. Den gemein­samen Geist, den frischen Wind, den wir 2016 noch ver­spürten, ver­mis­sen wir manch­mal. Er scheint der Ernüchterung gewichen zu sein. Aber halt! Was für den Ölberg vielle­icht in Teilen gilt, scheint jen­seits der Hochstraße, im Mirk­er Quarti­er, genau anders herum zu ver­laufen. Mehr dazu ab Seite 14.

Alle zwei Jahre feiern wir das Ölbergfest. Im Juni 2018 ging das 8. Ölbergfest unter großer Beteili­gung und mit tollem Pro­gramm über die Bühne, bess­er gesagt, auf die Straße. Dass es inzwis­chen als das vielle­icht größte Street Dance Fes­ti­val der Repub­lik beze­ich­net wird, weist auf den sich ändern­den Charak­ter des Festes hin. Trotz­dem erfreut es sich weit­er­hin großer Beliebtheit und die Organ­isatoren leg­en sich mächtig dafür ins Zeug, damit auch der nach­barschaftliche Aspekt nicht ver­loren geht. Nun hat der Vere­in „Unternehmer/innen für die Nord­stadt“ beschlossen das Ölbergfest „auszu­grün­den“. Eine eigene Struk­tur soll geschaf­fen wer­den, die die Vere­in­sar­beit ent­lastet und im Fes­t­jahr nicht völ­lig lahm­legt. Neue Akteure sollen das Rud­er übernehmen, dafür ist ein neuer Vere­in in Grün­dung. Mehr Infos unter www.nord-stadt.de unter dem Reit­er Ölbergfest. Sie möcht­en mit­machen? Wen­den Sie sich an Andreas und Alexan­der Klein (Seite 42) oder schreiben an fest@nord-stadt.de. Wir freuen uns jeden­falls auf viele weit­ere großar­tige Feste auf dem Ölberg: nach­barschaftlich, tol­er­ant, leck­er, stim­mungsvoll, tanzwütig, nach­haltig, glas­frei
und ohne Nazis.

Eben­falls im Zwei­jahres­rhyth­mus und im Wech­sel mit dem Ölbergfest ver­anstal­ten wir das Lese­fes­ti­val „Der Berg liest“. Dieses Jahr wird die beliebte Mit­machver­anstal­tung am 29. Sep­tem­ber von 10 – 24 Uhr stat­tfind­en. Aufgerufen sind alle Bewohner/innen der Nord­stadt, in ihren Woh­nun­gen, Werk­stät­ten, Büros, Kneipen und/oder auf der Straße aus ihren Lieblings­büch­ern vorzule­sen. „Der Berg liest“ besticht immer wieder durch per­sön­liche Atmo­sphäre und nach­barschaftlich­es Miteinan­der. Und durch Räume, die durch die Lesun­gen in neuem Licht erscheinen, wenn zum Beispiel Shake­speare in der Autow­erk­statt gele­sen wird. Weit­ere Infos gibt es in Kürze unter www.nord-stadt.de.

Keine zwei Jahre hat ein anderes Pro­jekt gebraucht, um kurz vor der Umset­zung zu ste­hen: die Fahrradgarage am Schus­ter­platz. Im Som­mer 2017 wurde diese Idee erst­mals im Rah­men des Bürg­er­bud­gets der Öffentlichkeit vorgestellt. Fahrradgara­gen sollen den Anwohn­ern die Möglichkeit geben, in der Nähe ihrer Woh­nun­gen ihre Gefährte geschützt unterzustellen. Das macht beson­ders Sinn für die Besitzer/innen von E‑Bikes. Ist es doch kaum möglich, die schw­eren Räder die enge Kellertreppe
runter- oder hochzuwucht­en. Geplant waren fünf, nun ist es erst ein­mal eine Garage. Dafür ist sie im Zusam­men­spiel mit Taxi- und Car­shar­ing-Stellplatz und der Nähe zur Bushal­testelle der 643 zur Mobil­sta­tion aufgew­ertet wor­den (siehe Seite 10). Wer sich in der Fahrradgarage ein­mi­eten möchte, schreibe eine Mail an mobil@nord-stadt.de. Dass die notwendi­ge Mobil­itätswende nicht nur Fre­unde haben wird, liegt auf der Hand, schließlich fall­en beste­hende Park­plätze weg. Dass wir über konkrete Verän­derun­gen reden, disku­tieren und stre­it­en müssen, auch, zum Beispiel mit den Eltern und der Schulleitung der St. Anna Schule. Weit über 200 Autos quälen sich zur Schulzeit mor­gens und nach­mit­tags durch die Dorotheen­straße. Bis heute hat es die Schulleitung nicht geschafft, auf ihrer Home­page klar und deut­lich zu sagen, dass man dies nicht wün­sche. Und in der Anfahrts­beschrei­bung heiß es nur lap­i­dar: „Tipp: Nutzen sie den ersten Park­platz, den Sie ab dem Ein­biegen in die Char­lot­ten­straße sehen! Bed­ingt durch die Lage in einem Wohn­vier­tel hat die St.-Anna-Schule nur sehr wenige eigene Park­plätze.“ So kann man es auch machen. Nein, so kann man es eben nicht machen!

Zweimal hat die Grund­schule Marien­straße u.a. über das Por­tal „Gut für Wup­per­tal“ (betterplace.org) für eine Schul­fahrt an die Nord­see gesam­melt. Und es geschafft, fehlende Gelder in kürzester Zeit zusam­men zu bekom­men. Viele Schüler/innen erhal­ten so die Möglichkeit, in den Herb­st­fe­rien ein­mal rauszukom­men, den oft nicht ein­fachen All­t­ag zu vergessen, die Seeluft zu genießen. Dieses tolle Pro­jekt ist zudem nur möglich durch das ehre­namtliche Engage­ment von Schulleitung, eini­gen Lehrer/innen und Mitar­bei­t­en­den an der Schule. Hut ab! Es ist nicht die einzige Aktion, bei der die Schule ungewöhn­liche Wege geht. Sie ist im Vier­tel fest ver­ankert, erk­lärt u.a. das Ölbergfest kurz­er­hand auch zum Schulfest und betont ihr sportlich­es Pro­fil. Ob beim Hock­ey oder beim Volk­slauf rund um die Rons­dor­fer Talsperre, über­all sind die Schüler/innen dabei. Mit Erfolg – und beson­ders wichtig: mit viel Spaß. Tja, da frage ich mich, warum so viele – beson­ders soge­nan­nte bil­dungsna­he – Eltern aus dem Vier­tel ihre Kinder dann doch lieber mit dem Auto zum Nützen­berg brin­gen oder zur Grund­schule Birken­höhe. Woll­ten wir nicht alle weniger Autoverkehr? Ob es mit dem hohen Anteil an Kindern mit Migra­tionsh­in­ter­grund zu tun haben kön­nte? Ein Schelm, der Bös­es dabei denkt. Leben wir nicht bewusst in diesem mul­ti­kul­turell geprägten
Vier­tel? Da kommt Zynis­mus auf.

Mir fällt es dann manch­mal schw­er, all das Pos­i­tive zu sehen, das unseren Stadt­teil aus­macht. Und ich denke, es wäre sin­nvoll, öfters mal die Fin­ger in die Wun­den zu leg­en und auf Missstände aufmerk­sam zu machen. Ob das demo­tiviert? Nicht unbe­d­ingt. Es zeigt, wo wir anpack­en müssen. Die Mobil­sta­tion – die erste in unser­er Stadt – ist dafür ein gutes Beispiel.

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Uwe Peter
Vor­stand Unternehmer/innen für die Nord­stadt e.V.

Kon­takt
Unternehmer/innen für die Nord­stadt e.V.
c/o ORG.BERATUNG Schul­ten und Wey­land
Zim­mer­straße 40, 42105 Wup­per­tal
Tel: 4957018
www.nord-stadt.de
Redak­tion
alles auf unserem Berg
c/o Uwe Peter
Schus­ter­straße 59, 42105 Wup­per­tal
Tel: 3702944, nsb@uwepeter.de

 

Der Ölberg macht mobil!

von Désirée Angelko­rte

Wer aufmerk­sam durchs Quarti­er geht, wird sicher­lich in der let­zten Zeit kleine Verän­derun­gen bemerkt haben. Hier ein Park­platz weniger, dafür ein etwas län­ger­er Rad­weg, dort ein neuer Stellplatz vom cam­bio Car­Shar­ing. Und mit­ten in der Char­lot­ten­straße befind­et sich auf ein­mal eine reizende Oase mit Strand, Son­nen­stühlen und Kalt­getränken im Park­bucht­for­mat! Moment mal eine Oase? Ganz richtig, das ist keine Fata Mor­gana, son­dern eines der Ziele der Ini­tia­tive Mobil­er Ölberg: Andere Wege in Sachen Mobil­ität zu gehen.

Thomas Wey­land, von Beginn an aktiv bei der Ini­tia­tive, ist der Mei­n­ung, dass sich erst was in den Köpfen der Nordtstädter*innen bewe­gen muss, bevor sich etwas (anders) auf den Straßen bewegt: „Mit dem Durch­bruch im Denken sind wir schon recht spät dran“ mah­nt der Quartiers­gestal­ter.

Die Ini­tia­tive Mobil­er Ölberg beste­ht aus inter­essierten Anwohn­er* innen, Politiker*innen und Quer­denk­enden, die mit ihrem Tun ein klares Ziel haben. Keine Symp­tome behan­deln, son­dern die unter­schiedlichen Verkehrsprob­leme in unserem Quarti­er direkt an der Wurzel zu pack­en.

Den verzweifelt park­platz­suchen­den Anwohnern*innen – es sind laut der Par­krau­m­analyse von Anne Epping im Rah­men ein­er Mas­ter­ar­beit an der TU Dort­mund, an einem Wochen­abend um die 500 – mag es wohl wie eine Art Kriegserk­lärung erscheinen, einige der raren Park­plätze „wegzunehmen“. Über 80% der befragten Anwohner*innen suchen Abend für Abend länger als 10 Minuten nach einem Park­platz. Das klingt ganz schön nervig – ist es auch! Ein Fußwege-Check, den die Ini­tia­tive kür­zlich durch­führte, bestätigt die Ergeb­nisse Eppings.

Dabei erleben die Ölberger*innen seit Jahren, dass es auch ganz ohne Autos geht. Bevor der bunte Trubel des Ölbergfests los geht, bietet sich den Anwohner*innen und Besucher*innen Jahr für Jahr ein außergewöhn­lich­es Bild. Zwis­chen Hom­büchel und Wül­frather Straße, über die gesamte Marien­straße und in eini­gen Quer­straßen sucht man verge­blich die omnipräsent park­enden Autos. Das Straßen­bild des Ölbergs mit seinen wun­der­baren Alt­ba­u­fas­saden erstrahlt an diesen Tagen in einem neuen Licht. Was son­st eher wie ein Wim­mel­bild voller park­ender Vehikel anmutet, ist an diesen Tagen wun­der­bar frei. Im wahrsten Sinne befre­it kann man da über die Straßen schlen­dern.

Ganz im Gegen­satz dazu ste­ht der nordstädt´sche All­t­ag. Es sind zahllose, zugepark­te Kreuzun­gen, an denen die Straße nicht unge­fährdet über­quert wer­den kann, oft haben Fußgänger sog­ar über­haupt kein Durchkom­men auf Gehwe­gen.

Uwe Peter, eben­falls bei der Ini­tia­tive Mobil­er Ölberg aktiv, ist darüber entrüstet: „Wenn in der Brun­nen­straße, um nur eine von vie­len Prob­lem­zo­nen anzuführen, auf dem Bürg­er­steig park­enden Autos der Vorzug vor Fußgängern, Roll­stuhlfahrern oder Kinder­wa­gen, gewährt wird, ist in dem zugrun­deliegen­den Sys­tem etwas krank!“

Es ist also an der Zeit, neu zu denken. Doch wie stellen wir uns die Zukun­ft vor? Ist ein aut­ofreier Ölberg denk- und umset­zbar?

Die einen sagen, das radikal aut­ofreie Quarti­er sei das einzig erstrebenswerte Ziel, die anderen parken weit­er­hin gerne direkt vor der Tür. Ein Kom­pro­miss muss also her. Oder eher gesagt, viele kleine Kom­pro­misse, die nichts­destotrotz ziel­stre­big in Rich­tung Mobil­itätswende steuern.

In den ver­gan­genen Monat­en wurde von der Ini­tia­tive eine Agen­da erstellt, deren wichtig­ste Punk­te an dieser Stelle für alle Leser*innen trans­par­ent wer­den soll. Und es lässt sich nicht bestre­it­en, dass die fol­gen­den Punk­te alle Bewohner*innen der Nord­stadt bewe­gen.

Kli­ma braucht Engage­ment!
Eltern­taxis ver­hin­dern!
Fahrrädern ein Zuhause geben!
Mobil­ität im Quarti­er ver­net­zen!
Parkver­hal­ten ändern!
Dem ÖPNV den Weg freimachen!

Kli­ma braucht Engage­ment, denn mit­tler­weile ist jedem*r von uns der untrennbare Zusam­men­hang zwis­chen dem Kli­mawan­del und dem Verkehr bekan­nt. Fein­staub, CO2-Ausstoß, Die­selfahrver­bot, Tem­polim­it auf Auto­bah­nen sind nur wenige von zahlre­ichen, unumgänglichen und den­noch sen­si­blen The­men, mit denen wir uns jet­zt auseinan­der set­zen müssen. Sie betr­e­f­fen alle und wer­den auf lange Sicht auch alle zum Umdenken bewe­gen.

Für manche mag die Idee, den Ölberg von Autos zu befreien, unbe­quem klin­gen, aber die Zeit, in der die besten Ideen und Prob­lem­lö­sun­gen gle­ichzeit­ig die bequem­sten sind, ist vor­bei.

Eine erste Aktion, mit der die Ini­tia­tive Mobil­er Ölberg bere­its 2017 auf sich aufmerk­sam machte, betraf die„Helikoptereltern“ des St.-Anna-Gymnasiums. Mor­gen für mor­gen spielt sich das gle­iche Szenario am west­lichen Ölberg ab: Schüler*innen wer­den von ihren Eltern mit dem Auto bis vor die Schultür gebracht. Das verur­sacht auf den schmalen Straßen ein heil­los­es Verkehrschaos! Es wur­den bis zu 150 Autos pro Mor­gen von Mit­gliedern der Ini­tia­tive gezählt. Die ohne­hin schon voll­gepark­ten Ein­bahn­straßen rund um die Erzbis­chöfliche Schule benöti­gen alles andere als diese all­mor­gendlich stat­tfind­ende, immer wieder aufs Neue unko­or­dinierte Chore­ografie aus Anhal­ten, Aussteigen, Weit­er­fahren und müden Schüler*innen, die mit­ten­drin die Straße über­queren.

Die Forderung ist dem­nach klar: Eltern­taxis müssen ver­hin­dert wer­den! Mit ein­er Prise Humor und den tre­f­fend­en Worten Goethes gin­gen die Mit­glieder der Ini­tia­tive vor, um die Eltern auf ihr Ver­hal­ten aufmerk­sam zu machen. Ein Ban­ner mit Goethes Zitat „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirk­lich gewe­sen“ wurde den Eltern bei ihrer mor­gendlichen Rund­fahrt gut sicht­bar ent­ge­gen gehal­ten und sie beka­men kleine Spielzeug-Helikopter und Fly­er oben­drauf.

Die Schulleitung des Gym­na­si­ums sagte bei weit­eren Aktiv­itäten ihre Unter­stützung zu, beispiel­sweise beim Film­pro­jekt mit Mod­ellcharak­ter von Uta Atzpo­di­en. Tobias Maria Fre­itag und Kim Mün­ster. Das Film­pro­jekt gibt den Schüler*innen die Möglichkeit, ihren Stand­punkt zum The­ma „Aut­ofrei“ filmisch auszu­drück­en, denn die Schüler*innen sehen das (Fahr-)Verhalten ihrer Eltern kri­tisch. Wir sprechen hier wohlge­merkt von Gymnasiast*innen, die sicher­lich gerne auch mal zur Schule gehen soll­ten. Das Pro­jekt startet im März und die entste­hen­den Fil­mar­beit­en sind sowohl online, als auch bei Infover­anstal­tun­gen des St.-Anna-Gymnasiums zu sehen.

Momen­tan wird beim Mobilen Ölberg an ein­er konkreten Verän­derung im Straßen­bild gear­beit­et, mit dem Ziel Fahrrädern ein Zuhause zu geben.

Wie schön es auch ist, dass immer mehr Men­schen in unserem Quarti­er mit Rädern fahren, darf nicht unbe­dacht bleiben, dass auch diese Platz in Anspruch nehmen. Nicht jed­er hat die Möglichkeit seinen Draht­e­sel Zuhause zu parken, ger­ade eBikes lassen sich nur schw­er­lich steile Alt­baukellertrep­pen hin­unter bugsieren. Das Dilem­ma ist groß, denn momen­tan sind Bürg­er­steige oft die einzige und gle­ichzeit­ig auch die schlecht­este Option für einen Fahrrad­park­platz. Denn ob es nun Fahrräder oder andere Vehikel sind, die Fußgänger behin­dern, ist am Ende egal.

Um das zu ändern wurde vor kurzem der Beschluss genehmigt, am Schus­ter­platz eine Fahrradgarage zu erricht­en. Zwölf Fahrräder oder eBikes erhal­ten dort einen sicheren Stellplatz, der angemietet wer­den kann (es sind noch ein paar Plätze frei, Anmel­dun­gen gerne an Thomas Wey­land).

Anreize für alle Nordstädter*innen zu schaf­fen, um das Zweirad oder öffentliche Verkehrsmit­tel gegenüber dem Auto vorzuziehen, ste­ht in enger Verbindung mit der Entwick­lung, die gesamte Mobil­ität im Quarti­er zu ver­net­zen. Die Fahrradgarage ist dabei nur ein Teil ein­er ganzen Mobil­sta­tion, die am Mit­telpunkt des Ölberges, dem Schus­ter­platz, entste­ht.

Die wortwörtlich fest­ge­fahrene Ein­för­migkeit des Verkehrs soll an diesem Punkt aufge­brochen wer­den. Ein mod­u­lares Konzept wird dem ent­ge­gen gestellt. Das bedeutet, dass nicht nur ein, son­dern mehrere Verkehrsmit­tel ein­fach und müh­e­los genutzt wer­den kön­nen. Taxis­tellplätze und Bushal­testelle sind am Schus­ter­platz bere­its vorhan­den, zur Fahrradgarage gesellen sich weit­ere Rad­ab­stellmöglichkeit­en und eben­falls wer­den zwei cam­bio Car­Shar­ing- Wagen einen Platz dort bekom­men.

Um zu zeigen, dass die Ini­tia­tive es ernst meint, hat sie für die Fahrradgarage fol­gende Finanzierung geplant: Die kostenpflichti­gen Park­plätze in der Sat­tler­straße sollen zur Teil­fi­nanzierung der Fahrradgarage genutzt wer­den. Aut­o­fahren kostet im Ver­gle­ich zum Rad­fahren eben mehr, diese Mehrkosten wer­den hier plaka­tiv für die Unter­stützung des Rad­verkehrs genutzt.

Frank Erb­schloe von Das Pflegeteam an der Hochstraße hat bere­its Verän­derun­gen in Sachen Mobil­ität in seinem Unternehmen umge­set­zt. Erb­schloe erläutert entschlossen: „Den Fokus unser­er Arbeit haben wir mit­tler­weile auf den Ölberg ver­lagert. Wir steigen also nach und nach auf fußläu­fige Betreu­ung um und fahren auch immer öfter mit dem Fahrrad zur Arbeit oder zu unseren Klienten*innen. Je weniger in unserem Betrieb mit dem Auto gefahren wird, desto bess­er! Bess­er fürs Kli­ma und die betriebliche Bilanz.“

Ein weit­er­er Punkt, welch­er der Ini­tia­tive Mobil­er Ölberg am Herzen liegt, bet­rifft den ÖPNV, genauer gesagt, wird der Ver­such unter­nom­men, ihm den Weg freizu­machen. Das klingt banal, doch fol­gende Sit­u­a­tion wird vie­len Bus­fahrern bekan­nt vorkom­men: Die Lin­ie 643 Rich­tung Luther­s­tift biegt nicht wie nach Fahrplan von der Hochstraße in die Marien­straße ein, son­dern steuert stattdessen einige Meter weit­er die Hal­testelle Marien­straße an. Der Bus­fahrer bit­tet alle Fahrgäste auszusteigen, die Straßen seien ver­stopft, eine Weit­er­fahrt nicht möglich.

Laut Angabe der WSW verze­ich­nete die Buslin­ie 643 zwis­chen Jan­u­ar und Sep­tem­ber 2018 sat­te vierzig Stun­den Ver­spä­tung. Dies sei haupt­säch­lich auf abgestellte Autos in Halte- und Parkver­bot­szo­nen zurück­zuführen, welche den kleinen Quartiers­bussen die engen Fahrwege gän­zlich versper­ren.

Eine ner­ve­naufreibende Sit­u­a­tion, nicht nur für Busfahrer*innen und Fahrgäste, die ihre geplante Des­ti­na­tion nicht erre­ichen, son­dern auch für diejeni­gen, die an der näch­sten Hal­testelle verge­blich auf den Bus warten. Beson­ders betrof­fen sind davon die Men­schen, die das Ser­vice- Wohnen am Luther­s­tift beanspruchen. Frau Mar­gret Rit­ter­shaus, die in diesem Jahr 80 Jahre alt wird, spricht für sich und die anderen Bewohn­er, die dort alters­gerecht, aber so selb­st­ständig wie möglich leben: „Ich brauche zwar seit einiger Zeit eine Gehil­fe, aber das soll nicht heißen, dass ich nicht mehr gerne zum Einkaufen oder zu Ver­anstal­tun­gen raus­ge­he. Allerd­ings bin ich dann auf den Bus angewiesen. Für mich bedeutet die Bushal­testelle vor der Tür ein echt­es Stück Unab­hängigkeit! Wenn dann die Leute total blöde parken und der Bus nicht fährt, weiß ich nicht, wie ich vom Fleck kom­men soll!“

Um in diesem Zuge für mehr Men­schen die Nutzung des ÖPN­Vs zu ermöglichen und ihn attrak­tiv­er zu gestal­ten, liegt den WSW schon länger der Vorschlag eines Quartier­stick­ets für Nord­stadt­be­wohn­er* innen vor. Dieses Tick­et ist auch Teil des „Green City Plans“, ein­er Samm­lung ver­schieden­er Ideen zur Luftrein­hal­tung in Innen­städten. Das Wup­per­taler Verkehrsres­sort hat den „GCP“ 12 INS_29_3_19_final.QXD 29.03.2019 12:29 Uhr Seite 12 erar­beit­et und der Stad­trat hat ihn Mitte let­zten Jahres dem Bun­desmin­is­teri­um für Verkehr und dig­i­tale Infra­struk­tur vorgelegt. Eine darin aufge­führte Maß­nahme ist das „Nord­stadttick­et“ als gezielte Neukun­denkam­pagne für den ÖPNV. Dabei wer­ben Abonnenten*innen neue Abonnenten*innen als Stammkunden*innen und bei­de bekom­men einen spür­baren Preisvorteil für ihre Monat­stick­ets. Klingt recht ver­lock­end, doch auf die Umset­zung warten wir ungeduldig, da diese von vie­len Fak­toren abhängt.

Kom­men wir abschließend, nach dem ganzen Verkehrs-Stress und der Aufre­gung noch mal zurück zu unserem Klein­od auf der Char­lot­ten­straße. Stellen wir uns vor, wie es wäre, an einem lauen Som­mer­abend an einem kleinen Strand, umringt von sat­tem Grün, gemütlich in einem Lieges­tuhl zu sitzen und ein gekühltes Getränk zu genießen. Und das nur einen Katzen­sprung von Zuhause ent­fer­nt! Hört sich utopisch an, kön­nte aber Real­ität wer­den. Es benötigt nur ein paar Quer­denker mit dem Mut einen Schritt weit­er zu gehen. Schon kann ein urbaner Raum von ein­er grauen Parkeinöde zur wun­der­vollen Oase ver­wan­delt wer­den. Allein die Vorstel­lung macht nicht nur jedem Einzel­nen großen Spaß, son­dern die Umset­zung würde das gesamte Quarti­er lebenswert­er machen. Wohnen und Arbeit­en in einem lebenswerten Umfeld, mit immer weniger Autoverkehr. Warum nicht?

Der Ölberg macht mobil!

Ach ja, wir sind nicht allein auf weiter Flur: Die Mobile Mirke gibt es auch schon. Die hat es unter anderem geschafft, dass die Neue Friedrichstraße jetzt zur Fahrradstraße umgestaltet wird. Geht doch!

 

Wohin der Flow fließt…

von Désirée Angelko­rte

In der let­zten Aus­gabe unser­er Broschüre berichtete Jen­nifer Abels freudig-erstaunt, wie die Einzelhändler*innen auf dem Ölberg einen „nach­barschaftlichen, nach­halti­gen und heimat­be­zo­ge­nen Lifestyle“ zele­bri­eren.

Während in der Zwis­chen­zeit ist All­t­ag in das bunte Treiben rund um die Marien­straße einkehrte, schwappte dieser Flow merk­lich in weit­ere Teile der Nord­stadt über.

Einige find­i­ge und motivierte Akteure*innen, zeigen erneut, wie sehr sich doch der Ein­satz für sein Quarti­er lohnt. So lerne ich bei mein­er Erkun­dungs­tour nicht nur einzi­gar­tige, regionale Pro­duk­te und nach­haltige Konzepte ken­nen, son­dern auch die Nachbarn*innen, die mit ihren einzi­gar­ti­gen und unter­halt­samen Geschicht­en dahin­ter ste­hen.

Meine erste Sta­tion: WE ARE KIOSK. Kiosk, Büd­chen, Tante Emma Laden oder Spätkauf, das ken­nt jede*r. Doch so einen Kiosk wie den auf der Friedrich­straße, habe ich vorher noch nicht gese­hen. Hier betreiben drei junge Student*innen von der Ber­gis­chen Uni­ver­sität Wup­per­tal eine Insti­tu­tion, die zwis­chen Kult­büd­chen und Kul­turstätte chang­iert. WE ARE KIOSK, das sind Daria Henken, Maria Musi­ol und Johannes Far­renkopf, aber auch du und ich und wir alle.

Der Mikrokos­mos des Einkaufens sieht bei WE ARE KIOSK zwar anders aus als die klas­sis­che Vorstel­lung vom Büd­chen nebe­nan, aber trotz­dem fühlt man sich dort sofort Zuhause. Das Konzept Kiosk ist etwas ganz Beson­deres, hier kauft schließlich jed­er irgend­wann mal irgend­was ein. Genau das schätzen die drei jun­gen Student*innen des Mas­ter­stu­di­en­gangs Pub­lic Inter­est Design, daher ent­stand auf der WE ARE KIOSK  Sich­tachse zwis­chen der Uni und Mirk­er Bahn­hof aus ihrem Semes­ter­pro­jekt mehr als nur ein „Büro“ oder „Stadt­la­bor“, son­dern eben ein Kiosk. Das Alt­be­währte wird hier zusät­zlich noch mit kom­pe­ten­tem Design und mit sen­si­bler Quartier­sar­beit gewürzt. Zwar suche ich in dem stylisch ein­gerichteten, kleinen Etab­lisse­ment mit knal­lo­r­angem Boden verge­blich nach Gum­mibärchen und Zeitschriften, dafür finde ich aber mit Sorgfalt aus­gewählte Pro­duk­te aus Wup­per­tal und Umge­bung. Über Kun­st­drucke von jun­gen Kreativ­en aus Wup­per­tal, faire Shirts & Taschen ver­schieden­er Labels, bis hin zu schoko­ladi­gem Genuss von Das Bern­steinz­im­mer, Kiva­mo Kaf­fee und die frische Min2- Schor­le aus der Weinerei, wer auf der Suche nach dem gewis­sen Etwas (inklu­sive Wup­per­taler Charme) ist, wird hier fündig.

Doch WE ARE KIOSK ist mehr als Verkauf­s­raum. Sie stellen Monat für Monat ein viel­seit­iges Pro­gramm auf die Beine und beleben das Quarti­er mit kul­turellen Beiträ­gen wie Bil­dungs- und Kreativ­work­shops, das vom Sauberkas­ten, über chi­ne­sis­che Teez­er­e­monien zu Per­sön­lichkeitscoach­ing-Work­shops und Ver­anstal­tun­gen wie die Leselob­by, Fachvorträge oder Ausstel­lun­gen reicht. Darüber hin­aus haben die Mobil­itätsini­tia­tive des Quartiers, Green­peace und die Female Future Force das feine Kioskräum­chen schon für sich ent­deckt und nutzten es für ihre Tre­f­fen. Die frische Insti­tu­tion ver­langt drin­gend nach einem weit­eren Besuch – vielle­icht zum näch­sten Hang­out? Das let­zte Glas Trassen­honig sucht übri­gens auch noch einen neuen Besitzer.

Die Weinerei ist mein näch­ster Stopp. Von den selb­st geschrein­erten Möbeln bis zu den aufgear­beit­eten Bügelflaschen ist, soweit ich sehen kann, alles handgemacht in der Weinerei. Ich habe den Ein­druck, dass, wenn die Hefe in den großen Alu­mini­umgär­fässern nicht von alleine den Zuck­er zu Alko­hol umwan­deln kön­nte, wür­den das Hol­ger Bär und Leon Fehlauer auch noch in Eigen­regie übernehmen.

Das Prinzip der „Gara­gen­winz­er“ wird von den bei­den neu inter­pretiert und her­aus kam nach einem „etwas ama­teurhaften Start“, wie Leon Fehlauer scherzt, eine feine Man­u­fak­tur, die ehrlichen und darüber hin­aus authen­tis­chen und trans­par­enten Wein ein­schenkt.

Kun­den kom­men here­in, man begrüßt sich mit her­zlichem Hand­schlag und es wer­den die leeren Bügelflaschen gegen volle getauscht. „Der Wein verän­dert sich aber noch, in zwei, drei Wochen bekommt der ein inten­siveres Aro­ma.“ — „So lange hält der sowieso nicht.“ Grin­send ver­schwinden die wein­halti­gen Köstlichkeit­en im Ruck­sack und man sehe sich dann am näch­sten Barabend.

Die bei­den Wein­pro­duzen­ten betreiben den Laden in ihrer Freizeit, denn bei­de sind voll beruf­stätig. Das sollte miteinan­der vere­in­bar sein, so war die Idee. Umso mehr bewun­dere ich die Pas­sion und Pro­fes­sion­al­ität, mit der sich hier um die eige­nen Pro­duk­te geküm­mert wird. In der Weinerei bekomme ich genau erk­lärt, warum der Wein so schmeckt, wie er schmeckt und woher die Zutat­en kom­men, von der Traube aus der Pfalz bis zur handgepflück­ten Hol­un­derblüte von der Trasse.

In den neuen Läden der Nord­stadt spielt sich ger­ade das absolute Kon­trast­pro­gramm zum 08–15 Super­markt ab, wo mir von allen Seit­en ster­il­er, Zusatzstoff ver­set­zter und in Plas­tik eingeschweißter Mist ent­ge­gengeschleud­ert wird.

Apro­pos Plas­tik­müll, einige haben sich im ver­gan­genen Som­mer vielle­icht schon gefreut, dass sich eine Ini­tia­tive um einen Unver­packt- Laden in unserem Quarti­er bemüht. Dazu gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht: Die Ini­tia­tive bemüht und trifft sich weit­er­hin, allerd­ings wird sich das passende Laden­lokal aller Voraus­sicht nach nicht in der Nord­stadt befind­en. Aber die Kol­le­gen am Arren­berg sind ja glück­licher­weise nicht weit ent­fer­nt. Mehr kann ich an dieser Stelle noch nicht ver­rat­en.

Bis es so weit ist, vertreibe ich mir die Zeit bei Sugo und einem Teller handgemachter Pas­ta hin­ter dem beschla­ge­nen Schaufen­ster, welch­es das emsige Treiben, das hier herrscht, von draußen nur erah­nen lässt. Oder ich bum­mele durch das wun­der­bar ver­winkelte Laden­lokal von Pati­na und ent­decke liebevoll aufgear­beit­et Unikate für den All­t­ag. Gegenüber des Mirk­er Bahn­hofs, wer­den char­mante Möbel, Vin­tageschätzchen feil­ge­boten und von Vaca­tion Records mit aus­gewählten LPs musikalisch unter­malt, denn es wer­den hier nicht nur die Ferien ver­tont, son­dern viel mehr das wun­der­bare Gefühl, nach Hause zu kom­men.